Das medizinische Fachgespräch

Welt der Masken und Spritzen

Im Fachgespräch auf marienkrankenhaus.com stellt Prof. Werner Hering das Thema „Anästhesie“ vor. Prof. Werner Hering ist Chefarzt in der Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin im St. Marien-Krankenhaus Siegen.

marienkrankenhaus.com: Herr Prof. Hering, sie sind erst der zweite Chefarzt im St. Marien-Krankenhaus Siegen, der der Anästhesiologie vorsteht. Ihre Abteilung gehört damit zu den jüngeren im Haus.

Prof. Hering: Ja, das stimmt. Vor 55 Jahren „emanzipierte“ sich mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin erst diese Fachdisziplin.

marienkrankenhaus.com: Und wo liegen die Anfänge?

Prof. Hering: Die Entdeckung der Anästhesie vor rund 150 Jahren beendete ein heute kaum noch vorstellbares Leiden, das zuvor jeder operative Eingriff bedeutete. Mit der Anwendung von Äther und Lachgas war eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der modernen Chirurgie geschaffen.

marienkrankenhaus.com: Nun steckt hinter dem Begriff „Anästhesie“ eine höchst komplexe medizinische Abteilung.

Prof. Hering: Der Begriff „Anästhesie“ leitet sich aus dem Altgriechischen ab und beschreibt den Zustand der Empfindungslosigkeit zum Zweck einer operativen oder diagnostischen Maßnahme. Die medizinische Fachdisziplin der „Anästhesiologie“ befasst sich mit der Durchführung von Anästhesieverfahren, hat aber auch  fachliche Schwerpunkte in der operativen Intensivmedizin, der Schmerztherapie, der Notfallmedizin sowie der Palliativbehandlung.

marienkrankenhaus.com: Was passiert bei der Narkose?

Prof. Hering: Bei einer Allgemeinanästhesie oder Narkose wird der Patient mit Hilfe von Medikamenten in einen Zustand der Bewusstlosigkeit versetzt. Neben dieser medikamentös induzierten Hypnose beinhaltet eine Allgemeinanästhesie vor allem auch eine Schmerzausschaltung (Analgesie). Da in Narkose keine bewusste Schmerzwahrnehmung möglich ist, spricht man in diesem Zusammenhang besser von einer Blockade der neurophysiologischen Vorgänge, die der Schmerzwahrnehmung zugrunde liegen (Antinozizeption). Dies ist sehr wichtig, um während der Operation eine Stressreduktion (vegetative Dämpfung) für den Organismus zu erreichen. Außerdem verhindert die Antinozizeption die Ausbildung einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit (Hyperalgesie) nach der Operation und, zusammen mit einer wirksamen postoperativen Schmerztherapie, die Chronifizierung von Schmerzen. Zur Erleichterung der Operation und der Beatmung ist gegebenenfalls auch eine Muskelentspannung (Muskelrelaxation) als weiterer Narkosebestandteil erforderlich.

marienkrankenhaus.com: Und die Atmung?

Prof. Hering: Da durch die Allgemeinanästhesie die Schutzreflexe (z.B. Husten) und die Eigenatmung des Patienten weitgehend ausgeschaltet werden, ist es sehr wichtig, sofort nach Einleitung der Narkose für eine Sicherung der Atemwege (Maske, Kehlkopfmaske, Tubus) und eine adäquate Beatmung zu sorgen.

marienkrankenhaus.com: Kann es passieren, dass man während der Operation plötzlich aufwacht?

Prof. Hering: Ich kann Sie beruhigen. Eine angemessene Fortführung der Narkose für die Dauer der Operation wird heutzutage durch differenzierte Dosierungsgeräte, wie weitgehend automatisierte Narkosemittelverdampfer und Mikroprozessor gesteuerte Infusionspumpen, unterstützt. Neben der klinischen Beobachtung des Patienten dienen die kontinuierliche Überwachung des Herz-Kreislaufsystems und oftmals die Ableitung der Hirnströme (Elektroenzephalographie) dazu, die Narkose individuell anzupassen. Sowohl unnötig tiefe Narkosen als auch intraoperative Wachheit lassen sich so relativ sicher vermeiden.

marienkrankenhaus.com: Im St. Marien-Krankenhaus Siegen gibt es viele schwere Behandlungsfälle. Ihre Mitarbeiter begleiten daher oft lange Operationen. Worin liegen neben der Überwachung der Narkose weitere Aufgaben?

Prof. Hering: Eine weitere Aufgabe des Anästhesisten besteht darin, das je nach Invasivität der Operation in unterschiedlichem Ausmaß gestörte Gleichgewicht des Organismus (Homöostase) aufrecht zu erhalten oder wieder herzustellen. Dies bedeutet beispielsweise die Gabe unterschiedlicher Infusionslösungen, den Ausgleich metabolischer Entgleisungen oder die Gewährleistung der physiologischen Körpertemperatur bei langen Operationen.

marienkrankenhaus.com: Nun ist das Behandlungsspektrum recht breit gefächert. Und an ihrer Abteilung kommen die anderen Disziplinen nicht vorbei. Was ist eine Teilnarkose?

Prof. Hering: Als Lokal- und Regionalanästhesie – umgangssprachlich auch Teilnarkose – wird die örtliche Schmerzausschaltung im Bereich von Nervenbahnen oder -endigungen bezeichnet, primär ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins. Dies geschieht vor allem durch Medikamente, die die elektrische Leitfähigkeit der Nerven für Nervenimpulse vorübergehend unterdrücken.

marienkrankenhaus.com: Wo setzen diese Verfahren an?

Prof. Hering: Mit Hilfe von anatomischen Orientierungspunkten, Nervenstimulatoren und Ultraschall werden Leitungsblockaden an Knotenpunkten der Nerven gesetzt. So lassen sich etwa Teile der Arme und Beine für kleinere Operationen ausreichend betäuben. Zudem gibt es die rückenmarksnahen oder neuroaxialen Verfahren. Hier werden die Lokalanästhetika mittels spezieller Techniken direkt um das Rückenmark injiziert. Auf diese Weise kann der komplette Unterleib maximal bis auf Brusthöhe betäubt werden, wodurch auch größere Operationen an den Beinen und im Unterbauch möglich sind.

marienkrankenhaus.com: Kommen diese Verfahren auch nach der Operation zum Einsatz?

Prof. Hering: Regionalanästhesien führen da, wo sie einsetzbar sind, zu einer effektiveren Schmerzblockade als die intravenöse Gabe starker Schmerzmittel (Opioide). Vielfach werden daher im Rahmen von Regionalanästhesien Katheter gelegt, die eine Fortführung der Schmerztherapie über die Operation hinaus ermöglichen. Durch den Einsatz spezieller Schmerzmittelpumpen, die innerhalb eines vorgegebenen Rahmens von den Patienten selbst gesteuert werden können (PCA-Pumpen), lässt sich die postoperative Schmerztherapie weiter verbessern.

marienkrankenhaus.com: Gibt es ein kombiniertes Vorgehen?

Prof. Hering: In den vergangenen Jahren hat sich bei größeren Bauchoperationen zunehmend die Kombinationsanästhesie als Verfahren der ersten Wahl etabliert. Man setzt dazu die intra- und postoperative Schmerztherapie über einen thorakalen Periduralkatheter zusammen mit einer Allgemeinanästhesie ein. Die Narkose ist dadurch insgesamt besser steuerbar, die Schmerzausschaltung effektiver, die Darmfunktion kommt schneller wieder in Gang und die Patienten können besser Mobilisiert werden. Zusammen mit der chirurgischen Behandlung ist dies Teil der „Fast-track-Chirurgie“ geworden und hat zu einer deutlichen Reduktion von Sekundärkomplikationen wie Thrombosen oder Lungenentzündungen beigetragen.

marienkrankenhaus.com: Wir haben eine große Geburtsklinik. Dürfen werdende Mütter überhaupt unter Vollnarkose gestellt werden?

Prof. Hering: Eine ganz spezielle Situation ist die Anästhesie bei Schwangeren. Zwar gibt es bislang keine Beweise für eine Schädigung des Embryos durch Anästhetika, trotzdem sollten planbare (elektive) Operationen in den ersten 12-14 Wochen der Schwangerschaft (1. Trimenon) vorsichtshalber vermieden werden. Wird dennoch in diesem Zeitraum eine Operation unumgänglich, dann ist die Spinalanästhesie das Verfahren der ersten Wahl, da hierbei der Embryo der geringsten medikamentösen Belastung ausgesetzt ist. Ganz besonders wichtig ist es bei Schwangeren während jedweder Narkose die Stabilität des Kreislaufs sicherzustellen. Nur so ist eine ausreichende Durchblutung des Mutterkuchens (Plazenta) gewährleistet und damit eine Versorgung des werdenden Kindes mit Sauerstoff und Nährstoffen.

marienkrankenhaus.com: Bei der Geburt sind Ihre Mitarbeiter dann auch regelmäßig im Einsatz.

Prof. Hering: Eine Geburt ist prinzipiell ein positiv besetztes Erlebnis, kann im Einzelfall aber sehr schmerzhaft sein. Mehr als zwei Drittel aller Gebärenden bewältigen dies mit Unterstützung ihrer Hebamme und ihrer/es ärztlichen Geburtshelfers/in durch Mittel wie Atem- und Entspannungstechniken, intensive Zuwendung, Entspannungsbad oder intravenös verabreichte krampf- und schmerzlösende Medikamente. Für etwa ein Drittel ist dies nicht ausreichend, es kann zu extremer Erschöpfung und zum Geburtsstillstand kommen. Hier kommt dann die Periduralanalgesie  (PDA) zum Einsatz. Sie stellt das effektivste Verfahren zur Linderung des Wehen- und Geburtsschmerzes dar, indem sie die Schmerzfortleitung auf Rückenmarksebene blockiert. Hierzu werden Betäubungsmittel in eine das Rückenmark umgebende Zone (Periduralraum) gespritzt. Über einen eingeführten Katheter kann die PDA bis zur Geburt des Kindes fortgesetzt werden. Bei korrekter Dosierung kann sich die Schwangere unter der PDA weiterhin bewegen und die Geburt aktiv unterstützen.

marienkrankenhaus.com: Vielen Dank für das Gespräch.