Das medizinische Fachgespräch

Nicht auf die leichte Schulter nehmen

 

Am Schultergelenk sind neben den Knochen über 40 Bänder, Sehnen und Muskeln beteiligt. Da das beweglichste Gelenk des Körpers  im Alltag verschieden stark beansprucht wird, klagen Patienten zunehmend über  vielfältige Beschwerden in der Schulter. Dr. Alois Franz, Chefarzt der Orthopädie wurde zu typischen Krankheitsbildern, Ursachen, Diagnostik und Behandlungsmethoden bei Schulterschmerzen befragt.

marienkrankenhaus.com: Dr. Franz, die Schulter ist Dreh- und Angelpunkt vieler Bewegungen. Zunehmend klagen Patienten über Schmerzen in der Schulter. Sind diese Erkrankungen zur Volkskrankheit geworden?


Dr. Alois Franz:
Nach Knie- und Sprunggelenksverletzungen rangieren die Schulterbeschwerden tatsächlich auf Platz drei der „orthopädischen Hitliste“. Jährlich untersuchen wir im Marienkrankenhaus alleine etwa 1.800 Patienten die unter  Bewegungseinschränkungen und anhaltenden Schmerzen an der Schulter leiden. Etwa 500 von ihnen müssen sogar operativ versorgt werden.

marienkrankenhaus.com: Wie kommt es zu Schulterschmerzen?


Dr. Alois Franz:
Wenn man von Verletzungen, die aus Unfällen resultieren einmal absieht, sind Schulterschmerzen überwiegend Weichteilschmerzen, da die Schulter ein weichteilgeführtes Gelenk ist. Das bedeutet, in 80 Prozent der Fälle verursachen nicht die Knochen den Schmerz, sondern die Muskeln, Bänder und Sehnen, die Gelenkkapsel und die Schleimbeutel, die an der Funktion des Schultergelenks beteiligt sind. Gerät eines oder mehrere dieser „Elemente“ durch Verschleiß, Über- oder Fehlbeanspruchung oder aber durch einen Unfall aus dem Gleichgewicht, treten Schmerzen auf, die dringend behandelt werden müssen. Erkrankungen der Weichteile sind keineswegs Bagatellerkrankungen, da sie rasch chronifizieren können.

marienkrankenhaus.com: Wie stellen Sie eine exakte Diagnose?


Dr. Alois Franz: Nach Erfragung der Krankengeschichte sollte eine klinische Untersuchung durch einen spezialisierten Arzt erfolgen, denn nur er kann entscheiden, welche Untersuchung die sinnvollste ist. Wenn es darum geht, knöcherne Verletzungen auszuschließen, wird zuerst ein Röntgenbild erstellt. Um die Weichteile rund um das Schultergelenk, wie Muskeln, Bänder und Sehnen zu untersuchen, nutzen wir die Ultraschalldiagnostik. Je nach Befund kann sich daran noch eine kernspintomographische Untersuchung anschließen. Erst dann entscheidet der Spezialist über die notwendige Weiterbehandlung. Wichtig ist, dass direkt im Zentrum des Schmerzes untersucht wird. Zum Glück muss nur in etwa einem Drittel der Fälle operiert werden.

marienkrankenhaus.com: Schulterschmerzen sind quälend, schränken in der Bewegung ein und dauern oft lange Zeit an. Trotzdem wird ein Besuch beim Arzt meist auf die lange Bank geschoben. Wann sollte man spätestens einen Arzt aufsuchen?

 

Dr. Alois Franz: Wer länger als sechs Wochen Schmerzen im Schulterbereich hat, dem empfehle ich dringend, einen Arzt auszusuchen. Kommen außer Bewegungsschmerzen dann noch Ruheschmerzen, also Schmerzen in der Nacht hinzu, ist höchste Alarmstufe angesagt. Durch einen chronischen, schwielenden Reizungsprozess werden beispielweise Sehnen im Schultergürtel aufgerieben. Es  bilden sich kleine Risse, die immer größer werden und schlimmstenfalls zu einem spontanen Sehnenabriss führen. Verletzt ist dann die so genannte Rotatorenmanschette, die größte Muskelgruppe, die sich vom Schulterblatt zum Oberarmknochen zieht und dort mit ihren Sehnen ansetzt.

marienkrankenhaus.com: Wer ist besonders betroffen?


Dr. Alois Franz:
Eine pauschale Antwort gibt es hierzu nicht. Wie bei fast jeder Krankheit sind die Ursachen vielfältig. Festzustellen ist jedoch, dass Schulterprobleme oft auch bei sehr sportlichen Menschen auftreten. Intensive Überkopfsportarten wie zum Beispiel Tennis, Volleyball oder Badminton können bei falscher Sporttechnik erhebliche Probleme im Schultergelenk verursachen. Bei regelmäßiger Über- oder Fehlbelastung kann dies zu den oben genannten Reizungsprozessen des Gelenkes mit seinen Bändern und Sehnen führen. Verschleißerscheinungen treffen Männer und Frauen gleichermaßen und beginnen meist schon im Alter zwischen 40 und 50 Jahren.

marienkrankenhaus.com: Mit welcher Art von Schulterverletzungen haben Sie als spezialisierter Orthopäde neben den genannten Verschleißerscheinungen außerdem zu tun?


Dr. Alois Franz: Wir behandeln besonders häufig Verletzungen, die von Sportarten wie zum Beispiel Skilaufen, Snowboarden, Radfahren oder Handballspielen herrühren. Dazu gehört auch das Ausrenken der Schulter. Es ist nicht damit getan, das Gelenk wieder einzurenken, denn beim Ausrenken geht immer etwas kaputt. Diese Verletzungen müssen dann weiter untersucht und  nachbehandelt werden.

marienkrankenhaus.com: Welche Therapie empfehlen Sie zur Linderung der Schmerzen?


Dr. Alois Franz:
Mit einer intensiven konservativen Behandlungsmethode haben die Erkrankten meistens bereits Besserungs- und Heilungschancen. Das Entscheidende ist, dass man sich einem auf die Schulter spezialisierten Physiotherapeuten anvertraut. Sollte es unter diesen Maßnahmen innerhalb der nächsten sechs bis acht Wochen zu keiner wesentlichen, dauerhaften Linderung der Beschwerdesymptomatik kommen, müssen die Verletzungsfolgen, das heißt die Sehnen, Kapseln, Bänder und Muskelschäden nochmals ärztlich überprüft werden.

marienkrankenhaus.com: Hatten Sie persönlich denn schon einmal mit Schulterproblemen zu tun?


Dr. Alois Franz: Ja – leider musste ich auch schon meine Kollegen zu Rate ziehen. Aufgrund meiner intensiven Sportaktivitäten kam es zu einer chronischen Sehnenreizung in der Schulter, die ich über einen Zeitraum von sechs Wochen erfolgreich behandeln ließ. Danach konnte ich meine sportlichen Aktivitäten wieder aufnehmen.

marienkrankenhaus.com: Herr Dr. Franz, vielen Dank für das Gespräch.