Das medizinische Fachgespräch

Ehrlichkeit, Sorgfalt und mitfühlende Betreuung

marienkrankenhaus.com: Herr Prof. Gassmann, warum haben Sie sich für den Arztberuf entschieden und was hat Sie bewogen, sich auf die Onkologie zu spezialisieren?

Prof. Gassmann:
Als ich das Medizinstudium abgeschlossen hatte, stellte sich natürlich die Frage, welches Fachgebiet für mich sinnvoll sein könnte. Es musste bei meinen sehr begrenzten Heimwerker-Fähigkeiten auf jeden Fall ein Fach ohne relevante Handarbeit sein. Damit entfielen alle operativen und alle internistisch-interventionellen Fächer. Damals – Ende der 70er Jahre – erschienenen Hämatologie und internistische Onkologie ganz besonders interessant. Bei der Behandlung von Patienten, die an akuten Leukämien, am Morbus Hodgkin und an Hodenkrebs litten, wurden dramatische Fortschritte erzielt. Diese Erkrankungen wurden damals plötzlich durch Chemotherapie heilbar. Ich hatte zu dieser Zeit  – wie viele andere auch – die Hoffnung, dass dies nur die ersten Schritte waren auf dem Weg zur Heilbarkeit sehr vieler Erkrankungen durch Chemotherapie.

marienkrankenhaus.com: Diese Hoffnung ist aber nicht ganz erfüllt worden.

Prof. Gassmann:
Genau. Man kann sagen, die Hoffnung, so wie ich sie gehabt habe, ist unerfüllt geblieben. Allerdings darf man die Situation auch nicht zu schwarz darstellen. Fortschritte wurden erzielt und die Therapie in kleinen Schritten verbessert.

marienkrankenhaus.com: Herausforderungen sind bei Ihnen nicht nur auf rein medizinischer Ebene zu finden. Ich denke da an Ihr Engagement für die Tour der Hoffnung. Ist der Mensch Gassmann ständig aktiv in Sachen Krebs?

Prof. Gassmann:
Die Tour ist für mich ein großes Anliegen, da sich diese insbesondere für Kinder mit Leukämie einsetzt und im wahrsten Sinne des Wortes Hoffnung gibt. Auch schlägt die Tour eine Brücke zum meinem Hobby: Sport.

marienkrankenhaus.com: Was ist Ihnen besonders wichtig im Umgang mit Ihren Patienten?

Prof. Gassmann:
Für mich wie alle anderen, die wir in der Onkologie am Marienkrankenhaus arbeiten, sind Ehrlichkeit, Offenheit, Sorgfalt und mitfühlende Betreuung zentrale Anliegen. Aber die mitfühlende Betreuung darf nicht zu stark in unser Leben eingreifen. Wenn wir einen unheilbar kranken Patienten mit gerade eben unterdrückter Emotion verlassen und das Zimmer des nächsten betreten, der eine realistische Heilungschance hat, dürfen wir dies nicht mit Grabesstimmung tun sondern müssen den real begründeten Optimismus demonstrieren.
Krebs beeinflusst den Menschen als Ganzes, bedroht ihn vital. Daher versuche ich immer, mit dem Patienten eine gemeinsame Basis zu finden. Diese beruht auf einer möglichst realistischen Einschätzung der aktuellen Situation, bezieht aber auch die Hoffnungen und Ziele des Patienten mit ein. Nur so ist es möglich, den Patienten durch die Belastungen einer Behandlung in unserer Klinik zu führen.

marienkrankenhaus.com: Patienten und ihre Angehörigen sind oft unsicher und womöglich überfordert mit der Entscheidung, welche der vorgestellten Therapieoptionen die beste für sie ist. Welche Behandlungsstrategien empfehlen Sie Ihren Patienten, von welchen würden Sie eher abraten?

Prof. Gassmann:
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Jeder Mensch ist einzigartig und da Krebserkrankungen mit einer großen Bandbreite an Variationsmöglichkeiten auftreten können, ist es sinnvoll, in jedem Einzelfall verschiedene geeignete Therapieoptionen herauszusuchen. Insbesondere sollte der Patient aktiv in die Behandlung einbezogen werden.

marienkrankenhaus.com: Worin liegen Ihrer Ansicht nach Probleme in der Sensibilisierung der Bevölkerung zum Thema „Krebs“?

Prof. Gassmann:
Eines der wesentlichsten Probleme besteht in der fehlenden sachlichen Auseinandersetzung. Zwar wird in unserer Gesellschaft vieles durch die Medien angesprochen, aber in den wenigsten Fällen werden den Menschen dadurch ihre Ängste genommen. Aufgrund dieser Ängste werden Beschwerden lange Zeit mit sich herumgetragen. Folge hiervon: Betroffene warten zu lange, bevor sie zum Arzt gehen. Auch muss mehr in Präventionskampagnen investiert werden, damit ein Vorsorgebewusstsein wächst.

marienkrankenhaus.com: Welche Rolle spielen Kampagnen die das St. Marien-Krankenhaus Siegen initiiert. Und sollte bei Publikationen mehr auf das Bedürfnis der Betroffenen eingegangen werden?

Prof. Gassmann:
Ich halte es für ausgesprochen wichtig, das Thema „Krebs“ in den Alltag der Menschen zu bringen und dabei das Wissen der Mediziner in die Sprache der Patienten zu übersetzen. Nur so wird das Verständnis der Bevölkerung und der Betroffenen für die verschiedenen Behandlungsformen wachsen und gleichzeitig ein Teil der Ängste abgebaut. Hier spielen Aktionen aus den einzelnen Kliniken unseres Hauses aber auch Publikationen zu einzelnen Krankheitsbildern eine ganz wesentliche Rolle.

marienkrankenhaus.com: Herr Prof. Gassmann, wir danken Ihnen sehr herzlich für Ihre Ausführungen.