Pressemitteilung
Tabu brechen – wenn Blase oder Darm schwächeln
Siegen, 26. Juni 2012 (MKS) - Die Ursachen sind vielfältig: Eine Operation, bei der Nerven in Mitleidenschaft gezogen wurden, eine Beckenbodenschwäche oder neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose sind nur einige wenige, die in Betracht kommen. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Wenn sie Stuhl oder Urin nicht mehr richtig halten können, ist das den meisten Menschen sehr peinlich. Viele Betroffene ertragen ihre Erkrankung still, trauen sich nicht einmal, bei ihrem Arzt das Thema Stuhlinkontinenz oder Blasenschwäche anzuschneiden. Stattdessen versuchen sie, eigene Strategien zu entwickeln, mit der Situation klar zu kommen. Dabei gibt es wirksame Hilfen. Seien es Beckenbodentraining, Einlagen, Medikamente oder eine Operation: Welche Therapie im Einzelfall bei einer bestimmten Inkontinenz-Form infrage kommt, ist äußerst unterschiedlich. Daher gilt: Betroffene sollten sich von einem Arzt untersuchen und entsprechend beraten lassen. Erste Informationen rund um Harninkontinenz und Darmschwäche können die Inhalte dieser Seite liefern. Doch dann heißt es: Mutig sein und das heikle Thema beim Arzt ansprechen.
Um auf die Dringlichkeit dieses gesellschaftlichen Tabu-Themas zu verweisen, organisierten die Selbsthilfegrupppe Kontinenz Siegen gemeinsam mit der Frauenklinik im St. Marien-Krankenhaus Siegen in der Kontinenzwoche 2012 Vorträge und Ausstellungen. So fanden im Foyer des St. Marien-Krankenhauses Kurz-Vorträge und Präsentationen an Modellen statt, die das Thema Kontinenz anschaulich darstellten. Ein interdisziplinärer Vortrag im Restaurant des Weidenauer Marienheims ergänzte die Veranstaltungsreihe.
„Von Inkontinenz sind Frauen deutlich stärker betroffen als Männer“, sagt Dr. Badrig Melekian, Leitender Oberarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im St. Marien-Krankenhaus Siegen. Allein unter Blasenschwäche leiden bis zu acht Millionen Frauen. Ältere unter ihnen sind stärker betroffen als junge Frauen. „Aber Inkontinenz ist deshalb keine Alterskrankheit“, so Melekian. Fast 30 Prozent der Frauen mit Ende 20 leiden an einer Belastungsinkontinenz, dem unwillkürlichem Harnverlust bei körperlichen Belastungen sowie beim Husten, Niesen oder Lachen.
„Betroffene sollen wissen, dass es sich lohnt, zu ihrem Arzt zu gehen, weil alle Formen der Inkontinenz einfach zu diagnostizieren, relativ gut zu behandeln und oft sogar vollkommen zu heilen sind“, sagt Brigitte Voßhoff von der Siegener Selbsthilfegruppe Kontinenz.
Die Belastungsinkontinenz der Frau kann häufig mit einem Training der Beckenbodenmuskulatur oder medikamentös behandelt werden. In schwereren Fällen stehen Eingriffe ohne Bauchschnitt zur Verfügung. „Es können jedoch auch andere Probleme im Beckenbodenbereich eine Inkontinenz hervorrufen“, sagt Dr. Badrig Melekian. Der Beckenboden sei ein sehr komplexes System von unterschiedlichsten Organen und Organsystemen, die hier auf engstem Raum angeordnet sind: Knöcherne Strukturen, Muskeln, Bänder und Sehnen, Nerven und Blutgefäße, der Darmausgang, das Genitale und das Blasenausgangsystem. „Störungen an einer Stelle wirken sich oftmals auf die übrigen Systeme aus“, so der Oberarzt.
Die Entscheidung für die jeweilige Behandlung hängt von der richtigen Diagnose ab und dazu bedarf es einer fachübergreifenden Zusammenarbeit, wie sie in Siegen zwischen den Kliniken stattfindet. Weiterhin betonen die Inkontinenzexperten aus den Siegener Krankenhäusern, dass Inkontinenz in unserer „aufgeklärten Welt“ weiterhin ein Tabuthema ist. „Ich wünsche mir, dass die Welt Kontinenz Woche die Sensibilität in der Bevölkerung für dieses Thema erhöht hat und bei den Betroffenen der Mut wächst, über ihr Leiden in geschützter Umgebung zu sprechen“, so Voßhoff abschließend.
